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Junger Mann mit schwarzen Haaren und Bart im Anzug, der eine Veranstaltung moderiert. Credit:

Menschen aus Neukölln

Das eigene Versagen den Anderen in die Schuhe schieben

Mehdi Chahrour ist 30 Jahre, gebürtiger Libanese, aufgewachsen in Neukölln und seit einigen Jahren Kreuzberger. Im Jahr 2005 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern des Vereins M.A.H.D.I. e.V. Mit Neuköllnisch sprach er über die Clan-Debatte, über Fremdzuschreibungen und über Stigmatisierung als Ablenkungsstrategie.

Mehdi, 2005 hast du mit einer Gruppe von Schüler*innen und Student*innen den Verein M.A.H.D.I. e.V. – „Muslime aller Herkunft deutscher Identität“ – gegründet. Was sind eure Ziele und welche Projekte verfolgt ihr zur Zeit?

Als wir M.A.H.D.I gegründet haben, lief gerade die Debatte, ob man Muslim und Deutsche/r gleichzeitig sein könne. Sie war geprägt von negativen Meinungsbildern von Muslim*innen und Migrant*innen, auch in der Folge von 9/11. Als sogenannte Brennpunktschule, deren Probleme ihrer hohen Anzahl an Kindern mit Migrationshintergrund zugeschrieben wurde, war auch die Rütli-Schule damals viel in den Medien. Wir sagten uns: Wenn niemand mit uns spricht, müssen wir eben selbst an die Öffentlichkeit treten – frei nach dem etwas blumigen Motto „Verflucht die Dunkelheit nicht, sondern zündet lieber eine Kerze an“. Bis heute verfolgen wir ein Konzept von Dialog, Gesprächen und Aufklärung. Einmal jährlich organisieren wir die Großveranstaltung „Vorbilder schaffen“, in der wir junge Absolvent*innen migrantischer Herkunft feiern. Im letzten Jahr waren rund 1.500 Menschen dabei. Außerdem bieten wir bei Wahlen verschiedene politische Diskussionsformate an. Zu den Veranstaltungen gehörte auch eine Podiumsdiskussion mit Constantin Schreiber zu seinem neuen Buch „Inside Islam. Was in Deutschlands Moscheen gepredigt wird”. Das war eine sehr kontroverse Debatte.

Welche Probleme begegnen dir bei eurer Arbeit?

Bei der Gründung des Vereins haben wir uns eigentlich vorgenommen, nicht „reaktionär“ zu sein, also nicht bloß auf Vorwürfe oder Vorurteile zu reagieren. Aber das ist schwierig, wenn die Debatte von anderen vorgegeben wird und diese am längeren Hebel sitzen.
Im Allgemeinen gehe ich davon aus, dass die Mehrheit der Deutschen nicht rassistisch ist und sich Hetze auch entgegenstellt. Selbst bei den Menschen, die rassistische Parolen aufgreifen, können andere Gründe als Rassismus dahinterstehen, zum Beispiel der Frust über die eigene Lebenssituation, Wut darüber, dass man die eigene Miete nicht zahlen kann oder Ähnliches. Bei M.A.H.D.I. vertreten wir den Ansatz, die Menschen dort abzuholen, wo sie sind.

Das ist nicht immer ganz einfach. Nehmen wir die Debatte um den Islamischen Staat (IS) beispielsweise, wie sie sich in der Folge der Charlie-Hebdo-Anschläge abspielte. Die Opfer des IS sind mehrheitlich Muslim*innen. Als Muslim befinde ich mich also tendenziell im Fadenkreuz dieser Organisation. Trotzdem stehe ich plötzlich unter Rechtfertigungsdruck was die Taten des IS betrifft, werde sogar häufig mit ihnen identifiziert. Fremdzuschreibungen sind grundsätzlich falsch und lenken von den eigentlichen politischen Problemen ab. Die Debatte um den IS hat davon abgelenkt, dass es einen Krieg in Syrien gab, der von außen und mit Hilfe militanter radikaler Gruppen geführt wurde. Ich würde sagen, dass der Terror damit eines seiner Ziel erreicht hat.

Seit einigen Jahren ein Daueraufreger: Die Debatte um die sogenannte Clan-Kriminalität. Was hältst du von dieser Debatte?

Zunächst bin ich der Meinung, dass man die Großfamilienthematik von den Aufgaben der öffentlichen Ordnungsgewalt trennen sollte. Die Clan-Debatte wird benutzt, um von einem allgemeinen Behördenversagen abzulenken. Was die katastrophale Situation in manchen Stadtteilen betrifft, z.B. im Norden Neuköllns, haben wir es mit jahrelanger Vernachlässigung und personeller Unterbesetzung zu tun. Seit Jahren wächst die Zahl neuer Berliner*innen – bei einer effektiv gleichbleibenden Anzahl von Beamt*innen. Kein Wunder, dass man sagt, in Berlin sei es leichter, im Lotto zu gewinnen als einen Behördentermin für eine KfZ-Zulassung zu bekommen. Ganz Europa lacht über die Berliner Verwaltung.

Diese Probleme muss man von der Frage der organisierten Kriminalität in Neukölln trennen. Hier gilt sicherlich, dass es einige junge Männer gibt, die den leichten Weg nehmen. Aber deren individuellen Vergehen werden im Rahmen der künstlichen Clan-Debatte auf ganze Familien übertragen. Das ist nicht im Sinne der Prinzipien des Rechtsstaats. Gleichzeitig wird gesagt: kriminelle Clan-Anhänger respektieren den Rechtsstaat nicht. Aber welche Kriminellen tun das eigentlich?

Dazu muss man sagen: Einige Angehörige dieser sogenannten Großfamilien kennen nichts als Vertreibung und Diaspora. Als sie in der Bundesrepublik ankamen, wurden sie nicht angenommen. Viele lebten und leben heute noch in ungeklärten rechtlichen Verhältnissen. Selbst meine Familie wurde 11 Jahre lang geduldet, von 1990 bis 2001. 11 Jahre lang war es nicht klar: Bleiben wir oder gehen wir? Dass in einer solchen Situation, in der man auch nicht arbeiten darf, der Sprung in die Kriminalität verlockend ist, ist nicht ganz abwegig. Man stelle sich vor: erst 2005 bezeichnete sich die BRD offiziell als Einwanderungsland.

Es stimmt, dass es in Neukölln Menschen gibt, die jahrelange kriminell sind und nicht hinter Gitter kommen. Das ist ein Problem der Polizei und einer laschen Justiz. Ich verstehe nicht, dass da jahrelang nicht gehandelt wurde. Man könnte meinen, dass jemand davon profitiert hat. Im Gegensatz zu vielen der zuständigen Politiker kenne ich die Sonnenallee, die Leute, die Gespräche die dort geführt werden. Einige dieser Jungen, die einen auf dicke Hose machen, dürfen nicht einmal das Haus verlassen, wenn ihre Mutter es ihnen erlaubt. Dass man es nicht geschafft hat, die Kriminalität zu unterbinden, ist unverständlich. Hätte man es gewollt, hätte man es gekonnt.

Wie schätzt du die regelmäßigen Razzien in Neukölln ein?

Die Präsenz der Polizei wirkte auf mich unverhältnismäßig. Da wird eine Art Straßenkrieg inszeniert, vermutlich um Macht zu demonstrieren. Ich glaube, das ist eine Überreaktion, die vor allen Dingen von Hilflosigkeit zeugt.

Die Leidtragenden der Kriminalität sind die einfachen Neuköllner*innen. Und im Rahmen der Clan-Debatte, mit der eine allgemeine Verdächtigung arabischstämmiger Menschen einhergeht, werden viele dieser Betroffenen als Täter dargestellt. Ein Bekannter von mir, ein junger Mann aus der Familie Remmo, überlegt, ob er seinen Namen ändert oder den seiner Verlobten annimmt, wenn sie heiraten. Er hat große Probleme bei der Job- und Wohnungssuche. Neulich war er länger auf der Suche nach einem Büro. Als Unternehmer hat er vernünftige Unterlagen. Ein Makler garantierte ihm, dass er das betreffende Büro zwei Tage später bekommen würde, aber stattdessen kam eine Mail: Leider doch nicht, der Eigentümer habe Bedenken wegen des Nachnamens. Das war nur ein Beispiel von vielen. Solchen Vorurteilen möchten wir mit M.A.H.D.I. e.V entgegentreten.

Unsere letzte Großveranstaltung war nach gängigen Vorurteilen quasi ein Gangsterfilm: die Abou-Chakers, die Remmos, die Miris, Chahrours, sie waren alle da: als Abiturient*innen, BA- und MA-Absolvent*innen. Wir hatten sämtliche Medien eund Politiker*innen eingeladen, kaum jemand ist gekommen. Solche Formate passen halt nicht ins Weltbild.

Was müsste deiner Meinung nach passieren?

Insgesamt reagiert man auf Symptome. Ursachenbekämpfung beginnt in der Schule, mit Lehrer*innen, die allen Jugendlichen Perspektiven eröffnen. Ich habe selbst erlebt, was es bedeutet, nicht ernst genommen zu werden. Beim ersten Elternsprechtag wurde mir gesagt: nehmen sie den Jungen vom Gymnasium runter, der wird es nicht packen. Jahre später bekam ich ein Einserabitur. Wir brauchen Lehrer*innen, die Träume möglich machen und Wege aufzeigen, die gute Vorbilder präsentieren und zeigen: du kannst es auch. Dann wäre es leicht, die Probleme zu lösen.

Während meiner Schulzeit sind gefühlt 20-25% der Stunden ausgefallen, das war Gang und Gäbe. Ich bin dankbar für die Lehrer*innen, die mir damals Druck gemacht haben. Der Lehrer, der mir gesagt hat: dieses „sch“ am Ende vom „Ich“, das kannst du nicht so sagen, „I-ch“ heißt es. Er hat mich ernst genommen. Es muss der Anspruch der Lehrerschaft sein, Bildung zu vermitteln. Sehr viele Biografien sind gescheitert, weil in der Schule nicht richtig angesetzt wurde.

Als ich in der 7. Klasse war, das war das Jahr, in dem sich der 11. September ereignete. In der ersten oder zweiten Unterrichtsstunde hatte ich meinen Erdkundelehrer – ein Mann, den ich sehr mochte. Und er fragte mich: „Na, habt ihr gefeiert zu Hause? Habt ihr Baklava verteilt?“ Da habe ich verstanden: Du bist jetzt der, der den Islam verteidigen muss, der für diese Anschläge geradestehen muss, obwohl du dich nicht damit identifizieren kannst, obwohl du sie ablehnst. Ähnlich verhält es sich, wenn wir bloß wegen unseres Nachnamens oder unserer Herkunft mit organisierter Kriminalität in Verbindung gebracht werden.

Die wenigsten wissen, dass die Ideologie, die hinter unter anderem diesen Anschlägen steht, die Ideologie des Wahhabismus ist. Das ist die Staatsreligion des saudi-arabischen Regimes, das überall in den USA und Europa hofiert wird. Ein Regime, das einen unmenschlichen Krieg gegen Jemen begonnen hat, während Deutschland dorthin Waffen exportiert. Gleichzeitig werden Muslim*innen pauschal als Terroristen bezeichnet. Hätten wir eine vernünftige Pressearbeit in Deutschland, die Wahrnehmung wäre vielleicht eine andere. Aber wir gehören dazu, auch wenn einige das nicht wollen. Und wir werden hierbleiben, auch wenn das einige nicht wollen.

Was erwartest du von gewählten Politiker*innen?

Es ist nicht schwierig, vernünftige Politik zu machen. Es geht darum, mit den Menschen zu reden und ihnen zuzuhören. Politiker sollen nicht darin Entschuldigungsgründe für ihre eigenen Verfehlungen suchen. Die zwei Bücher von Buschkowsky lese ich als lange Rechtfertigungsbriefe – als Versuche, das eigene Versagen den Anderen in die Schuhe zu schieben.