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 Credit: Victoria Tomaschko

Gentrifizierung

»Dass dieser Mann in Neukölln bauen will, ist eine Kampfansage«

Gemeinsam mit anderen protestiert Niloufar Tajeri gegen Investor René Benkos geplanten Karstadt-Neubau am Hermannplatz. Im Gespräch mit Neuköllnisch erklärt sie, warum der gigantomane Entwurf für ein neues Gebäude am besten in der Schublade bleibt.

Niloufar Tajeri ist Architektin. Sie arbeitet am Lehrstuhl für Geschichte und Theorie der Architektur und Stadt in Braunschweig. Ihre Forschungsschwerpunkte: Sozialer Wohnungsbau, Verdrängungsprozesse, riots. Mit der Gruppe coop.disco hat sie 2018 eine Studie zu gemeinwohlorientierter Immobilienentwicklung ausgearbeitet. Nun hat sie gemeinsam mit anderen eine Initiative gegen den geplanten Abriss des Karstadtgebäudes am Hermannplatz gegründet.

Victoria Tomaschko

Du baust gerade einen Protest gegen das Karstadt-Bauprojekt auf. Was motiviert dich?

Als Anwohnerin der Karl-Marx-Straße habe ich die Dauerbaustelle der letzten Jahre mitbekommen. Ich habe beobachtet, wie in jedem abgeschlossenem Segment der Baustelle die alten Gewerbe verschwunden sind. Statt migrantischen und eigentümer*innengeführten Läden machen hier jetzt Ketten wie Biocompany auf. Im Norden Neuköllns bahnt sich ein richtiger Gewerbe-Exodus an. Die mit der Baustelle verbundene sogenannte „Aufwertung“ bewirkt eine Verdrängung im großen Stil.

Der Abschnitt der Karl-Marx-Straße kurz vor dem Hermannplatz ist noch ein richtiges Paradies. Hier gibt es einen Afroshop, einen Asialaden, einen kleinen indischen Supermarkt. Auf der Neuköllner Seite des Kottbusser Damms geht ein Laden nach dem anderen verloren: im Abschnitt Sanderstraße bis Hermannplatz, knapp 400 m, haben in den letzten Monaten 8 Läden zugemacht. Sollte das Karstadtgebäude abgerissen werden, hätten wir es mit einem ganz anderen Maßstab von Baustelle und Immobilienspekulation zu tun. Und damit mit auch mit einer noch viel größeren Bedrohung für das bestehende Gewerbe. Auf den Hermannplatz laufen die zentralen Gewerbestraßen des Stadtteils zu: Kottbusser Damm, Sonnenallee, Karl-Marx-Straße, Urbanstraße. Eine Baustelle von solchen Ausmaßen würde bedeuten, dass wir von einem Neukölln, wie wir es kennen, eigentlich nicht mehr reden könnten.

Warum ist die Veränderung der Gewerbestruktur ein Problem?

Gewerbe wie hier gibt es nirgendwo anders. Es ist einzigartig, und das meine ich nicht im touristischen Sinn. Viele Gewerbe hier sind selbstorganisiert. Es sind selber aufgebaute Läden, die selber darüber entscheiden welche Produkte sie verkaufen, und die sehr bestimmte Zielgruppen haben. Mich fragen häufiger Leute, was denn dagegen einzuwenden sei, wenn durch den Neubau Arbeitsplätze geschaffen werden. Aber abgesehen davon, dass es sehr fragwürdig ist, ob ein neuer Karstadt neue Arbeitsplätze schaffen würde, sind das doch keine selbstbestimmten Arbeitsplätze. Viele Gewerbetreibende hier sind eben nicht in einer riesigen Mall angestellt. Es ist etwas ganz anderes, einen eigenen Laden zu haben, mit dem du einen gewissen Beitrag leistest und eine gewisse Identität verbindest. Das hiesige Lebensumfeld, das manchmal als schmuddelig oder unordentlich bezeichnet wird, hat eine eigene Qualität. Es wurde von den Leuten, die hier seit Jahren wohnen, nach ihren Bedürfnissen geschaffen. Deswegen ist es auch so falsch zu sagen, der Hermannplatz oder die Karl-Marx-Straße müssten aufgewertet werden. Denn es impliziert, dass die Leute, die schon da sind, minderwertig sind. Es setzt voraus, dass nur ganz bestimmte Dinge gut und wertvoll sind. Aber das stimmt nicht. Was es in Neukölln gibt, hat einen spezifischen Wert für spezifische Menschen. Wenn man das nicht versteht, befürwortet man nur die allgemeine Gleichmachung, mit den immergleichen Cafés und den immergleichen Ketten.

Ihr möchtet den Abriss verhindern. Gäbe es nicht andere Möglichkeiten, die Verdrängung aufzuhalten?

Jede Umgestaltung löst tiefgreifende sozioökonomische und geographische Prozesse aus. Bei den gegenwärtig verfügbaren politischen Instrumenten sind diese einfach nicht zu kontrollieren. Ganz aktuell gibt es den Beschluss zum Mietendeckel bis 2025. Aber auch er bedeutet keinen dauerhaften Schutz für Menschen mit kleinem Geldbeutel, für Minoritäten oder marginalisierte Bevölkerungsgruppen. Es gibt kein Recht auf den Schutz der Nachbarschaft oder des sozialen Gefüges. Vielleicht gibt es Hartz IV oder Wohngeld, aber keine Garantie, im eigenen Wohnumfeld bleiben zu können. Für Menschen aus ärmeren Bevölkerungsgruppen ist aber genau das wichtig. Die Nachbarschaft ist Solidargemeinschaft. Daher sagen wir: nicht bauen!

Viele Lokalpolitiker*innen befürworten die Aufwertung des Bezirks. Beispielsweise Bezirksbürgermeister Martin Hikel hat sich positiv für das Karstadt-Projekt ausgesprochen. Was hältst du davon?

Die regierenden Politiker*innen von Neukölln kommunizieren mit der Absicht, Investoren anzuziehen. Das ist ein Riesenproblem. Wir haben es mit einer veralteten wirtschaftspolitischen Strategie zu tun, die mit dem Marketingsprech der 90er und 00er Jahre verbunden ist. Wir leben aber nicht mehr in dieser Zeit. Auch in Marzahn und Hellersdorf, wo die Leute hinverdrängt werden, gibt es keinen bezahlbaren Wohnraum mehr. Die regierenden Parteien möchten Investoren und neue Bewohner*innenschaften anziehen, um neue Steuerzahler*innen reinzubekommen und die Kassen zu füllen. Gleichzeitig gibt es immer mehr soziale Notfälle, die der Bezirk ja auch auffangen muss. Das wird einfach ignoriert. Aber man kann doch nicht so tun, als könne das ewig so weitergehen mit der sogenannten Aufwertung, ohne diejenigen zu schützen, die hier schon seit Jahrzehnten wohnen. Letztens habe ich auf dem Spielplatz eine Frau getroffen, halb türkische Kurdin, halb Irakerin. Sie hat einen Putzjob, mit dem sie gerade ihre Miete zahlen kann. Jetzt hat sie eine Kündigung vom Vermieter erhalten, für den sie jahrelang Hausmeisterin war. Solche Geschichten hört man immer wieder. Ich finde, wir können diesen Entwicklungen nicht gleichgültig gegenüberstehen. Zynisch könnte man natürlich fragen, ob der Bezirk diese Menschen einfach nicht braucht, da sie keine Wähler*innen sind. Manchmal fühlt es sich an, als würden Politiker*innen einfach diejenigen Leute bashen und benachteiligen, die immer noch kein Wahlrecht haben.

Die Klimakrise hat ökologische Fragen ins Zentrum der politischen Diskussion gestellt. Ist das Karstadt-Projekt ökologisch vertretbar?

Jeder Abriss und jeder Neubau verursacht eine Unmenge von CO2-Emissionen. Das jetzige Gebäude mag Energie verschleudern. Das behaupten zumindest die Architekten. Es gibt aber unendlich viele Möglichkeiten, ein Gebäude energieökonomisch zu verbessern – ohne es abzureißen. Ökologisch am sinnvollsten ist es, energetisch zu sanieren oder räumlich umzubauen.

Wenn man die ökologische Rechnung für ein Gebäude macht, muss man die graue Energie hinzuzählen, die Logistik, den dafür notwendigen Abbau von Rohstoffen, die Herstellung von Zement. Man muss auch den Abriss mit einrechnen, bei dem kostbare Materialien in den Müll wandern. Eine solche umfassende Rechnung müsste Benko meines Erachtens vorlegen. Als Architektin würde ich mir wünschen, dass die beiden grünen Baustadträte in Friedrichshain-Kreuzberg und Neukölln diese Rechnung verlangen. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass sich Abriss und Neubau ökologisch überhaupt verteidigen lassen. Mir tut es alleine schon weh, wenn ich daran denke, dass die wertvolle Muschelkalkfassade in den Müll gehen soll. Das Originalgebäude hatte genau diese Materialität. Das neue soll aus Beton gebaut werden, einem ultra klimaschädlichen Material.

Wie schätzt du die Motive des Investors René Benko ein?

Das Thema Gewerbeverdrängung auf der Karl-Marx-Straße brodelt schon seit Jahren. Aber als das Ibiza-Video an die Öffentlichkeit gelangte war klar, dass jetzt etwas passieren muss. Denn darin wurde René Benko, der Investor hinter dem Abrissprojekt, als Großspender der FPÖ erwähnt. Auch wenn er dementiert hat: Allein die Tatsache, dass dieser Mann in diesem Video namentlich genannt wird, hat etwas zu sagen. Erwiesen ist, dass er an die ÖVP spendet, die mit Rechtsextremen koaliert. Er besitzt außerdem große Anteile an zwei Zeitungen, Kronenzeitung und Kurier, die rechtskonservative Politiker*innen pushen und gegen People of Color hetzen. Dass dieser Mann in Neukölln bauen will ist eine Kampfansage. Wenn er außerdem eine Gebäude-Rekonstruktion an den Hermannplatz stellen möchte, die die Geschehnisse des zweiten Weltkriegs ebenso wie die Migrationsgeschichte Nachkriegsdeutschlands unsichtbar macht, dann ist das eine ideologische Kampfansage. Das jetzige Gebäude ist denkmalgeschützt. Es steht schon viel länger als das ursprüngliche Gebäude. Es ist kein 08/15 Nachkriegsbau. Ganz im Gegenteil hat sich der Architekt Gedanken gemacht. Mit der Materialität der Muschelkalkfassade stellt er einen Bezug zum Originalgebäude her. Der jetzige Bau ist großartig, weil er sich in die Bestandssubstanz einfügt, nicht den Raum sprengt. Warum muss das Karstadt-Gebäude, mit dem die Menschen hier seit 67 Jahren leben, zugunsten einer Megakonstruktion vernichtet werden?

Ein ähnliches Vorhaben wie das am Hermannplatz hatte René Benko bereits am Kurfürstendamm, nämlich den Bau einer Riesenmall in bester Einkaufslage. Damit gehen Geldflüsse einher, die an den globalen Finanzkapitalismus angeschlossen ist. Dieser wiederum ist politisch opportunistisch und geht mit der Zeit: Wenn Trump an der Regierung ist, geht man mit Trump, wenn Strache an der Regierung ist, mit Strache. Und wenn Hikel in Neukölln an der Regierung ist, dann eben mit Hikel.

Manchmal heißt es, René Benko sei nichts weiter als ein pragmatischer Immobilienunternehmer, ein einfacher Mann, der sich alles selbst erarbeitet hat. Als Person ist René Benko aber nicht interessant – wichtig ist, was er tut. Tatsache ist, dass er hinter rechter Hetze steht. Uns geht es mit der Initiative also auch um eine Art Machtdemonstration. Wir sagen: Das ist unser Territorium, das kannst du hier vergessen.

Danke für das Interview.

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