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Ein Trabi steht vor einem Plakat der Zigarettenfirma "West"auf dem steht "Let´s go West". Das West wurde durchgestrichen und durch East ersetzt. Credit: Ralf Steinberger

Kunst & Kultur

Entdeckungstour mit Bus, Tram, Fähre, S-Bahn und zu Fuß

Seit nunmehr fast 30 Jahren ist Neukölln nicht mehr durch die Mauer von Treptow-Köpenick getrennt. Aber wer hat schon mal einen Sommer-Tagesausflug in unseren Nachbarbezirk gemacht? Dabei ist ein solcher Trip einfach und nicht teuer. Mit einem BVG-Tagesticket können wir mit den »Öffentlichen« einen Tag lang auf Entdeckungstour gehen.

Wir machen uns auf, den Osten Berlins zu erkunden. 

Ralf Steinberger

Von Neukölln mit dem Bus über die einstige Mauergrenze nach Schöneweide

Wir starten unseren Ausflug am U-Bahnhof Boddinstraße mit dem Bus 166. An der Heidelberger Straße markiert ein Kopfsteinpflasterstreifen den einstigen Verlauf der Mauer zwischen Treptow und Neukölln. Drei Haltestellen weiter erreicht unser Bus den Treptower Park mit seinen weiträumigen Erholungsanlagen und dem Ehrenmal für die 1945 beim Kampf um Berlin gefallenen sowjetischen Soldaten. Die Weitläufigkeit und gute Lage des Treptower Parks weckte schon häufig das Interesse von Veranstaltern. 2016 stieß des Festival »Lollapalooza« mit 140.000 Teilnehmenden auf heftigen Protest der Anwohner*innen, es war hier die letzte Großveranstaltung dieser Art. Durch Plänterwald und Baumschulenweg fährt unser Bus zum Bahnhof Schöneweide.

Mit der Straßenbahn von Oberschöneweide nach Köpenick

Vom Bahnhof gehen wir in Richtung Spree zu Fuß durch die Brückenstraße . Hier hat Gregor Gysi (MdB, DIE LINKE), der den Wahlkreis Treptow-Köpenick als direkt gewählter Abgeordneter vertritt, sein Bürgerbüro. Aber auch an einem dunklen Kapitel dieser kurzen Straße kommen wir vorbei. Hier rotteten sich Neonazis in der Kneipe »Zum Henker« zusammen, um ihre Aktivitäten zu planten – bis nach Neukölln.
Von der Treskowbrücke haben wir einen eindrucksvollen Blick auf Oberschöneweide. Die Industriebauten der AEG markieren einen Ort, der lange Zeit das Berliner Zentrum der Elektroindustrie war. Manches war seiner Zeit voraus, wie die Funk- und Fernsehtechnik oder die Entwicklung von Elektroautos in den 1920er Jahren. 1990, zur Zeit der »Wende«, zählten die Oberschöneweider Betriebe 25.000 Beschäftigte. Doch die Großbetriebe wurden von der Treuhand „abgewickelt“, die Bauten, teilweise unter Denkmalschutz, neuen Aufgaben vom allem im Kulturbereich zugeführt. Auf dem Gelände des Kabelwerks Oberspree errichtete der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) ihren Campus, was neues Leben für den Ortsteil bedeutete.
Mit der Tram 67 setzen wir unseren Ausflug Richtung Köpenick fort. Entlang der Wuhlheide mit dem Freizeitpark und dem FEZ, vorbei am Stadion des 1. FC Union an der »Alten Försterei« erreichen wir die Köpenicker Altstadt.
Hier bietet sich ein Zwischenstopp an, um das Rathaus Köpenick zu besuchen, in dem der legendäre »Hauptmann« kraft seiner Uniform im kaiserlichen Obrigkeitsstaat den Bürgermeister verhaftete und die Stadtkasse beschlagnahmte. Ein Rundgang durch die Altstadt gibt Anregungen für weitere Besuche, zum Beispiel der interessanten Ausstellungen im Schloss oder den kleinen Galerien.

Zwischen Müggelsee und Dahme

Von der Köpenicker Altstadt sind es noch ein paar Stationen bis zur Endhaltestelle der Tram 67 am Krankenhaus Köpenick. Hier erreichen wir den Bus 169 nach Müggelheim. Er durchquert das Waldgebiet zwischen Müggelsee und Dahme. Wer möchte, kann an der Haltestelle „Rübezahl« einen weiteren Zwischenstopp einlegen. Links führt ein kurzer Weg zum bekannten Ausflugslokal »Rübezahl«, rechts geht es am Teufelssee vorbei hoch zum Müggelturm. Nach der »Wendezeit« war der Aussichtsturm auf der höchsten natürlichen Erhebung Berlins lange dem Verfall preisgegeben. Jetzt ist das Restaurant wieder geöffnet und auch der Turm kann bestiegen werden. Tolle Aussicht, bis nach Neukölln und weiter.

Zu Fuß durch den Wald, die Große Krampe entlang

Endstation des Bus 169 ist Müggelheim, ein klassisches Angerdorf, dessen ursprüngliche Siedlungsstruktur im Ortskern noch immer zu erkennen ist. Hier beginnt die Wanderung zu Fuß. Von der Dorfkirche führt die Sabernheimer Straße direkt zum Stadtforst. An einigen Stellen sind Plakate gegen den Fluglärm zu sehen. In Müggelheim war der Protest gegen den Bau des BER besonders stark. Denn schon jetzt donnern die Flugzeuge im Anflug auf Schönefeld lautstark direkt über den Ort. Wie soll das Leben hier sein, wenn der BER in Betrieb geht?
Am Waldrand halten wir uns links und erreichen auf Waldwegen nach kurzer Zeit die Große Krampe, eine Ausbuchtung des Flusses Dahme. Auf dem wunderschönen Uferweg öffnet sich nach wenigen hundert Metern eine Lichtung zu einer großen Badewiese. Nach der Abkühlung im Wasser folgen wir dem Uferweg weiter zum Campingplatz »Kuhle Wampe«. Der Name erinnert an ein Projekt Erwerbsloser, die während der Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre ihre Wohnung verloren und hier in Notunterkünften Zuflucht gefunden hatten. Bertolt Brecht wurde von der Solidarität in und um die »Kuhle Wampe« zu dem gleichnamigen Film angeregt, der zu einem Zeitdokument der Berliner Arbeiterbewegung wurde.

»Kreuzfahrt« nach Schmöckwitz

Ein weiterer Höhepunkt unseres besonderen Ausflugs ist die Fahrt mit der BVG-Fähre F21 über die Dahme, zwischen dem Langen See im Norden und dem Seddinsee im Süden. Ab Anlegestelle »Krampenburg« verkehrt die F21 in den Sommermonaten im 30-Minuten-Takt bis zum 27. Oktober täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr, sonntags bis 19 Uhr. Ziel unserer »Kreuzfahrt« ist der Ortsteil Schmöckwitz.

Mit der Uferbahn »68« entlang der Dahme

Von der Anlegestelle »Zum Seeblick« erreichen wir nach wenigen Schritten die Haltestelle der Tram 68 in Richtung Grünau. Diese Strecke galt als Uferbahn lange Zeit als die schönste Straßenbahnroute Europas; ist sie es heute noch? Als die BVG die »68« durch Busse ersetzen wollte, wehrten sich nicht nur die Anlieger dagegen. Nach Protesten wurde die Strecke saniert und bringt uns jetzt durch Karolinenhof vorbei an der legendären Badestelle »Bammelecke«, dem Strandbad Grünau und der Olympiaregattastrecke zum S-Bahnhof Grünau. Mit der S-Bahn geht es direkt zurück nach Neukölln.

Auf der Tages-Rundreise durch unseren Nachbarbezirk lohnt überall das Verweilen, bringt es doch neue Eindrücke. Und dafür ist keine Mauer mehr zu überwinden.

Klaus-Dieter Heiser