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 Credit: Henrike Müller-Mahn

Mieten & Wohnen

Gropiusstadt rückt zusammen

Im Neuköllner Süden tobt der Mietenkampf. Seit Beginn 2018 schließen sich in Gropiusstadt Mieter*innen zusammen, um gegen dreiste Methoden von Deutsche Wohnen und Gropiuswohnen vorzugehen. Mittlerweile ist ein kleiner Kreis von Aktiven zum Mietentisch geworden. Ein Bericht aus der Praxis.

Beisammensitzen in Gropiusstadt unter dem Motto »Deutsche Wohnen & Co. grillen«

Henrike Müller-Mahn

In der Gropiusstadt am unteren Rand Neuköllns kündigt sich ein Gewitter an. Man hört den Donner näher kommen. Trotzdem haben sich rund 200 Mieter*innen der umliegenden Häuser auf dem Lipschitzplatz zu einer Kundgebung unter dem Motto „Bezahlbare Mieten für alle“ versammelt. Bedrohlicher als der Donner scheint für sie nämlich das zu sein, was man seit Langem überall in Berlin beobachten kann: Steigende Mietpreise und Verdrängung.

In der Gropiusstadt organisiert sich dagegen auf Initiative einiger Aktivist*innen der LINKEN Neukölln Widerstand. Anfang 2018 begannen wir im Rahmen eines Community Organizing Modellprojekts an Türen zu klingeln, um Mieter*innen kennenzulernen und mit ihnen gemeinsam Druck auf Bezirkspolitik und Hausverwaltungen zu machen. In der Gropiusstadt sind ein Großteil der Wohnungen im Bestand der Deutschen Wohnen und Gropiuswohnen – die meisten davon waren früher Sozialwohnungen der GEHAG GmbH, die 1998 teilprivatisiert wurde.

Spontanprotest auf der Karl-Marx-Straße

Mittlerweile gibt es in vier Häusergruppen viele Kontakte und teils stabile Mieter*inneninitiativen. Allen voran hat die Mieter*inneninitiative Ulli mit zwei Häusern im Ulrich-von-Hassel-Weg kürzlich Erfolge erzielt. Los ging es, als die Mieter*innen im Herbst 2018 eine Ankündigung für energetische Sanierungen im Briefkasten hatten, auf die eine Mieterhöhung von bis zu 300 Euro folgen sollte. Mieter*innen schrieben einen Brief mit Forderungen an das Bezirksamt. Außerdem besuchten sie mit einem selbstgemachten Transparent eine BVV und trugen ihre Forderungen bei einer anschließenden Spontandemo auf die Karl-Marx-Straße. Mit ihrem Dagegenhalten haben sie Gropiuswohnen dazu bewegt, die Mieterhöhungen niedriger ausfallen zu lassen – für manche Mieter*innen bedeutete dies Einsparungen von über 50 Euro pro Monat.

Von Einzelhäusern zum Mietentisch

Doch Mieterhöhungen und Verdrängung beschränken sich nicht auf einzelne Häuser. Deswegen gibt es jetzt die Veranstaltungen vom Mietentisch Gropiusstadt. Bei Kaffee und Kuchen kommen Mieter*innen zusammen, die sich für eine bezahlbare Gropiusstadt für alle einsetzen wollen. Gemeinsam mit eingeladenen Expert*innen werden Ideen zur Einschränkung des Mietenwahnsinns diskutiert. Zu Besuch waren unter anderem schon Michael Prütz von der Kampagne „Deutsche Wohnen & Co enteignen“, Stadtsoziologe Andrej Holm oder Gaby Gottwald (LINKE). Bei einer Kundgebung unter dem Motto „Wir dämmen zurück! Gegen soziale Kälte!“, machten Mieter*innen mit mitgebrachten Topfdeckeln und Pfannen ordentlich Lärm vor dem Büro von Gropiuswohnen, um gegen die drastischen Mieterhöhungen im Rahmen der energetischen Sanierungen zu protestieren.

Über den eigenen Tellerrand

Den Mieter*innen der Gropiusstadt geht es längst nicht mehr nur um ihre eigenen Mietzahlungen. Das Problem liegt in ganz Berlin. Darum hat sich auch zur großen Demonstration gegen den Mietenwahnsinn im April 2019 und zur Demo zum Mietendeckel am 3. Oktober 2019 ein kleiner Block aus Mieter*innen aus der Gropiusstadt zusammengefunden. Für manche von ihnen waren es die erste Teilnahme ihres Lebens an einer Großdemonstration.

Nachdem die Anfänge des Mietentischs Gropiusstadt vorwiegend von den Aktivist*innen der LINKEN organisiert wurden, gibt es mittlerweile eine Planungsgruppe, in der Mieter*innen der Gropiusstadt die Mehrheit bilden. Sie kümmern sich um Organisatorisches oder diskutieren Inhaltliches: Welche Themen sind gerade wichtig? Welche Expert*innen sollen als nächstes eingeladen werden? Der nächste Mietentisch wird eine Informationsveranstaltung zum Mietendeckel sein.

Auf dem Lipschitzplatz ist das Gewitter inzwischen angekommen. Doch die Mieter*innen der Gropiusstadt lassen sich nicht abschrecken. Der eingeladene Arbeiter*innenchor singt kurzerhand in einem spontan organisierten Raum des Gemeinschaftshauses am Platz und alle rücken etwas näher zusammen. Zusammenrücken – das klappt in der Gropiusstadt.

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Mieten & Wohnen

»Mein Herz sagt Nein«

Seit ihrer Geburt wohnt Münevver Cansever in Neukölln, seit 1999 in Gropiusstadt. Nun steht die gelernte Schneiderin und Hauswirtschafterin vor einem Problem: Ihr Vermieter hat eine Mietsteigung von 230€ angekündigt. Eine Neuköllner Geschichte.

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Mieten & Wohnen

»Ich bin mein Leben lang noch nicht aus einer Wohnung rausgegangen und ich werde auch jetzt nicht gehen.«

In den Jahren 1962-75 entstand im Süden Neuköllns die Gropiusstadt. Die von Walter Gropius geplante Großwohnsiedlung besteht aus rund 18.500 Wohnungen – 90% davon wurden als Sozialbauwohnungen errichtet. Bis vor Kurzem blieb dieser Stadtteil von der Verdrängung verschont. Nun beginnen auch hier Investoren und Eigentümer, die Mieten zu erhöhen. Aber viele wehren sich – wie die Urneuköllnerin Anneliese Lungewitz.

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Mieten & Wohnen

Vom Haustürgespräch zur Mietenini

Linke sollten häufiger raus aus ihrer Blase, findet Susanne Steinborn. Deswegen organisiert sie in Gropiusstadt gemeinsam mit Mieter*innen und LINKE-Mitgliedern Widerstand gegen steigende Mieten. Über Organisierung bei Kaffee und Kuchen und Politik an der Haustür.

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Mieten & Wohnen

Gemeinsinn als Mietmodell

Der Ausverkauf von bezahlbarem Wohnraum geht immer weiter in Nordneukölln. Zu einem unangemessen hohen Preis sollten auch die Wohnhäuser mit Gewerbeeinheiten in der Sanderstraße 11/11a an einen profitorientieren Investor gehen. Da Verdrängung drohte, wehrten sich die Mieter*innen und setzten sich für die Ausübung des Vorkaufsrechts ein.