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Junge Menschen sitzen auf einem Platz und machen mit Transparenten auf ihr anliegen aufmerksam Credit: Extinction Rebellion

Ökologie

„Ohne vernünftige Klimapolitik können wir auch den Rest vergessen”

Mit medienwirksamen Aktionen des zivilen Ungehorsams möchten die Aktivist*innen der Extinction Rebellion (XR) Bewegung den Klimawandel ganz oben auf die politische und gesellschaftliche Agenda bringen.

»Aufstand gegen das Aussterben«. Aktivist*innen rebellieren für das Überleben.

Extinction Rebellion

Sie besetzen Brücken, blockieren Verkehrsadern und veranstalten symbolische Trauerzeremonien. Linke und antirassistische Gruppen nehmen sie kontrovers wahr, Gegner bezeichnen sie als naiv oder gar als gefährliche Sekte. Welche politischen Ziele aber verfolgen die „Rebellen gegen das Aussterben“? Was hält die dezentral aufgebauten Gruppen zusammen? Und wie stehen sie eigentlich zum Kapitalismus? Neuköllnisch hat sich mit den Organisatoren des XR-Cafés Neukölln getroffen, um diese und weitere Fragen zu stellen.

Welche Rolle spielt Neukölln für XR?

Magnus: Eine sehr große. Nachdem XR Berlin sich derzeit auf die Bereiche Nord, West, Ost und Süd aufteilt und Letztere sich auch hier, im Poropati, trifft, wächst die Gruppe im Viertel stark. Eine berechtigte Kritik ist, dass die Bewegung in Berlin noch recht homogen aufgestellt ist und die multikulturelle Vielfalt fehlt. Outreach Süd, also die Ortsgruppe für Öffentlichkeitsarbeit, widmet diesem Problem gerade eine Projekt-AG. Wir möchten bunter werden und ich glaube, Neukölln ist dafür die erste Adresse in Berlin.

Nico: Was Alter und Geschlecht angehen, ist XR divers aufgestellt. Was ich sehr vermisse, sind POC und Menschen mit Migrationshintergrund. Es wundert mich, aber man muss es vorerst als Fakt anerkennen.

Ihr erlangt durchaus Aufmerksamkeit, Sympathie und Zuwachs - kommt dies aus allen Teilen der Gesellschaft?

Magnus: Auch wenn für meine Wahrnehmung viele XR-Aktivist*innen aus dem linken politischen Spektrum kommen, werden wir im Allgemeinen an diesen Rändern eher kritisch gesehen. Das mag daran liegen, dass wir explizit keine linke Bewegung sind und beispielsweise die Polizei nicht als Feindbild haben oder andere Schuldige bennen. Aus der Mitte der Gesellschaft erreicht uns viel Verständnis und ein verstärkter Dialog.

Nico: Welche Gesellschaftsteile wie sehr sympathisieren, wäre fast zu spekulativ. Klar ist, dass Aspekte wie Climate Justice immer weiter in die Gesellschaft eingedrungen sind. Da kommt XR als Mindset Changer auch ins Spiel. Rechte Gruppen higegen stehen allem, was XR ausmacht, eigentlich diametral entgegen.

Und der Kapitalismus..?

Magnus: Es gibt bei XR keinen Konsens, den Kapitalismus abschaffen zu müssen, daran erinnere ich meine Mitrebell*innen auch mal. Wir wollen erstens den Klimanotstand ausrufen, zweitens das Ziel der Klimaneutralität setzen und drittens Bürger*innenversammlungen einführen, denen wir die politische Gestaltung überlassen. Was diese entscheiden, wird sich zeigen. Ich für meinen Teil hoffe, dass wir es mit dem Kapitalismus schaffen.

Ist die Zusammenarbeit mit anderen aktivistischen Gruppen ein zentrales Anliegen von XR?

Magnus: Als zivil ungehorsame Bewegung ist es etwas schwierig. Viele Bewegungen, auch FFF, stehen uns da vorsichtig gegenüber. Ich würde mir mehr Zusammenarbeit wünschen, da wir das Problem nicht alleine lösen können, aber es wird nicht leicht.

Nico: XR bemüht sich aber durchaus um Bündnisaktionen, beispielsweise mit FFF, Ende Gelände und NGOs. Mir scheint, es ist dahingehend auch etwas für den Sommer in die Wege geleitet worden. Es gibt auch mittlerweile eine deutschlandweite Solidaritätsbekundung von allen XR Ortsgruppen zu Ende Gelände. Das könnte einige verschrecken, andere aber auch anziehen.

XR ist dezentral aufgebaut. Welche Grundsätze müssen dabei unbedingt eingehalten werden?

Magnus: Wir haben 10 Prinzipien, das hält uns zusammen. Dazu gehört zuvorderst Gewaltfreiheit, aber auch Selbstreflexion und stetiges gemeinsames Lernen. Das ist notwendig, denn wir leben in einem toxischen System und diese gewaltfreie Rebellion ist für uns alle etwas Neues. Das haben wir so noch nicht gemacht in Deutschland.

Schafft ihr es denn, verschiedenste soziale und politische Positionen zu vereinen?

Magnus: Ein Beispiel: Ich bin glühender Befürworter der Atomkraft, weil ich viel mehr Angst vor dem CO2 in der Atmosphäre habe als vor Atommüll. Das kann ich bei XR nicht ausleben, sondern ist meine private Sache. Aber das ist auch okay. Wenn wir es gemeinsam schaffen, unsere 3 Forderungen umzusetzen, sind die klein-kleinen Überzeugungen vielleicht gar nicht so wichtig. Wir müssen aufpassen, uns bei dem großen Thema nicht zu früh zu zerstreiten.

Roger Hallam jedoch polarisiert sehr stark - davon grenzte sich die Bewegung ab.

Magnus: Die Aussage von ihm war nicht in Ordnung, eine solche Relativierung können wir hier in Deutschland nicht zulassen. Ich würde ihn persönlich zwar nicht aus der Bewegung ausschließen, aber ich stehe hinter der Entscheidung, da er eine sehr laute Stimme ist. Er spricht nicht nur als einzelner Mensch, dem ich eine Entwicklung ermöglichen und nicht einfach nur ein Urteil überstülpen will, sondern hat ein ungeheure Reichweite.

XR möchte nicht weniger als den Systemwandel. Welche Relevanz haben lokale und regionale Themen dabei in den Gruppen?

Nico: Diese Themen spielen immer eine Rolle, da man an ihnen anknüpfen kann und ins Gespräch kommt. Die Bewegung tut gut daran, rechtzeitig auf soziale Entwicklungen, Verteilungsfragen und auch Probleme wie rechte Gewalt in Neukölln einzugehen. Für die großen XR-Aktionen liegt der Schwerpunkt auf den großen Themen und Forderungen. Wenn wir nicht vernünftige Klimapolitik auf den Weg bringen, können wir auch den Rest vergessen. Stichwort Climate Justice - und das betrifft beispielsweise auch rechten Populismus.

Letzte Frage: Wie und wo können Neuköllner*innen sich euch anschließen?

Magnus: Hier ins Poropati kann jede*r kommen, der Interesse hat. Der nächste Schritt wäre das offizielle Onboarding, am besten über die Ortsgruppe Süd, da erfährt man alles, was man wissen möchte. Auf der Facebook Seite stehen natürlich auch alle Events.

Nico: Auch in den Rollbergen gibt es ein Cafè. Und natürlich kann man bei den Rebel Riders mitmachen - jeden Mittwoch. Bei Aktionen wie z.Bsp. Neukölln Autofrei sind wir außerdem dabei.

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